Ist Du das neue Sie?
Auf Du und Du mit dem Chef und anderen Vorgesetzten – aus der Berufswelt nicht mehr wegzudenken.

Ist Du das neue Sie?

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Charme und Geschwätz Ihr anzutragen? Pardon, guter Goethe, dass Du Dich jetzt ein wenig im Grabe umdrehen wirst. Aber wir müssen reden – über die Anrede.

Es ist nämlich so, Alter: Es wird immer mehr geduzt. Also nicht nur von oben herab, sondern auch von unten hinauf. Quasi verordnet. Vom Lidl-Aufsichtsratschef zum Beispiel. Der Klaus, so heißt der Gehrig mit Vornamen, hatte bereits vor einiger Zeit all seinen Mitarbeitern – und natürlich auch den Mitarbeiterinnen an der Kasse – das Du angeboten und zur Firmenkultur erhoben wie bei Ikea und Otto. In einer mit „Gruß Klaus“ beendeten Mail an die Mitarbeiter hieß es: „Es gibt keinen Zwang. Aber klar ist auch: Wer sich nicht duzt, isoliert sich. Das sind nicht die Leute, die wir brauchen.“

Mit Verlaub, Herr Präsident – Sie sind ein Arschloch.

Da sind wir aber froh, dass wir nicht zu den 170.000 Leuten gehören – oder sind inzwischen wieder ein paar gefeuert worden? –, die von Lidl gebraucht werden. Denn im Zweifelsfall, und den gibt es oft, ist das altmodische Sie sicherer. Ganz im Joschka Fischerschen Sinne, der anno 1984 dem Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen im Plenum erwiderte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Klingt doch gleich viel besser als ein „Du Arschloch!“

Ein bisschen Schuld an der neuen A…, ähm, Duz-Kultur ist wieder mal Mark Zuckerberg. Denn in den sozialen Netzwerken, die nichts mit Sozialdemokratie zu tun haben, in der man sich als Genosse seit jeher duzt, wird ja fast nur geduzt. Aber will man mit jedem Bundestagsvizepräsidenten per Du sein? Eigentlich nicht. Und übrigens: Frau Merkel gestattet angeblich auch nur fünf Ministern ihrer Partei das Du, hieß es mal. Warum Ihre Kanzlerin (Altdeutsch), also gemeinhin unsere Mutti (Neudeutsch) selbst diesem Voll-Horst das Du gestattet? Nächste Frage!

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Stil lässt sich mit dem passenden Look ausdrücken: betont lässig (Tasche: Oxmox) oder verlässlich und seriös (Tasche: Leonhard Heyden).

Ist ein You immer gleich ein Du?

Um noch mal kurz auf den lieben Mark, den alten Zuckerberg, zurückzukommen – dass im Englischen alle per You wie Du sind, stimmt so nicht. Historisch gesehen ist das You sogar die zweite Person Plural, also ein schönes „Ihr“ ganz frei nach Goethe: Mit Verlaub, Herr Geheimrat, habt Ihr gut genächtigt, bevor Ihr Euch mal wieder im Grabe umdrehen musstet? Und im Amerikanischen ist bei aller Kumpelhaftigkeit des You auch gerne ein steifes „Sir“, „Madam“ oder „Officer“ im Umlauf. Apropos: Wie geht eigentlich ein saloppes „Fuck You“ in höflich-deutscher Siez-Form?

Okay, die eigenen Eltern zu siezen, wie es bei uns vor hundert Jahren Gewohnheit war und im Hause von Louis van Gaal wohl immer noch üblich ist, muss auch nicht sein. Ist ja fast so doof, wie jemandem das Du zu entziehen, nur weil man aus dem Sandkasten eines Tages eine Stufe höher auf der Karriereleiter gestiegen ist. Doch, doch, das gibt es wirklich, wenn aus Jugendfreundschaften mit einem Mal Arbeitsverhältnisse werden. Ziemlich dämlich kann auch das Sie mit Vornamen sein oder das gönnerhafte und eher allgemein gemeinte Du vom Chef, der der Herr Sie bleibt.

Ist Sie ein Zeichen für Alter?

Obwohl wir manchmal darunter leiden, dass der Übergang vom Du zum Sie auf der Straße schleichend ist. „Darf ich’s wagen, Sie nach der Uhrzeit zu fragen?“ – „Nein, du Kackbratze! Ich weiß selbst, dass ich alt geworden bin!“ Also auch wenn die fremde Angst vor einem Du den eigenen fortschreitenden Verfall signalisieren kann, stehen wir zum freundlich-distanzierten Sie, das wir selbst hippen Start-up-Unternehmen empfehlen. Dann kommt man schon in nichts rein, wenn man die Abmahnung oder Kündigung aussprechen oder annehmen muss. Und als höchste Kunst des Dialogs pflegen wir die Aussprache ohne Anrede. Es gibt nämlich tatsächlich Situationen, in denen man nicht so recht weiß, ob man jetzt schon per Du war oder sein darf oder noch beim Sie ist und eigentlich auch bleiben will. Probiert’s mal aus, Verzeihung, versuchen Sie mal Ihr Glück! Wenn Sie so ein Gespräch länger als fünf Minuten ohne direkte Anrede oder Nachfrage, sprich ohne Du oder Sie durchhalten, dürfen Sie den nächsten Beitrag hier schreiben.