Immer Ärger mit dem Wein

Immer Ärger mit dem Wein

Zum guten Essen gehört ein guter Wein, keine Frage. Aber gerade beim Auswärtsessen kann man Überraschungen erleben. Schöne und böse. Das fängt mit dem Preis an. Denn es ist nun mal so, dass im Restaurant kaum mit der Küchenleistung Geld verdient wird – je höher die Qualität der Produkte, desto geringer ist in der Regel die Gewinnspanne –, sondern mit den Getränken. Wer sich mal das Verhältnis vom Wareneinsatz eines Espressos und dem Verkaufspreis ausrechnen möchte – bitteschön! Da ist man beim Wein laut einer alten Milchmädchenrechnung noch besser bedient, die besagt: das Viertel zahlt die Flasche. Heißt also, wenn man für 0,25 l oder von mir aus auch nur 0,2 l zum Beispiel 6,90 Euro zahlt, dann kostet die Flasche in etwa so viel im Einkauf.

Doch die Zeiten haben sich geändert und mit ihr die Verhältnisse, denn heutzutage wird gerne auch 0,1 l ausgeschenkt, ganz im Zeichen des stilvollen Genusses, der nach mehr und immer anderem schreit. Und so geht die Rechnung häufig: das Achtel zahlt die Flasche. Wie viele Flaschen man im Laden dann für eine Flasche im Restaurant bekommen würde, lässt sich ja ziemlich schnell hergoogeln …

Unser Rekord: 23 Euro für ein Glas Wein

Es ist also ratsam, bei der Bestellung etwas genauer hinzuschauen, was aber nichts nützt, wenn man hinhören muss. Denn bei mündlichen Empfehlungen ist besondere Vorsicht geboten, vor allem in gehobenen Restaurants. Wir jedenfalls haben schon so manches blaue Wunder erlebt, weil wir uns gerne etwas empfehlen lassen, es uns aber zu doof ist, gleich nach dem Preis zu fragen. So hatten wir schon zwei mal 10 Euro für eine 0,1-l-Portion auf der Rechnung, ohne dass der Kellner vorher einen kleinsten Fingerzeig gegeben hätte à la „wir hätten da auch etwas Hochwertiges offen“. Der Chef gelobte bei der telefonischen Beschwerde Besserung – in Erwartung unserer Restaurantkritik in der Tageszeitung. Unser persönlicher Rekord liegt bei 23 Euro für 0,2 l – für einen zugegebenermaßen anständigen Italiener in einem Sternelandgasthaus. Da musste auch die Buchhaltung bei der Spesenabrechnung kräftig schlucken.

Gerade in Sternerestaurants sind bei den Empfehlungen nach oben hin keine Grenzen gesetzt, weswegen bei klangvollen Namen mit Chateau irgendwas die Alarmglocken schrillen sollten. Aber das Schöne in solchen Spitzenhäusern ist eben, dass man auch Spitzengewächse offen ausgeschenkt bekommt. Wenn schon, denn schon sollte man gleich die sogenannte „Weinreise“ mitmachen, deren Preisniveau oft fair kalkuliert und auf der Karte deklariert ist. Angenehm überrascht wurden wir einmal in einem Sternelokal, dessen Patron es sich partout nicht nehmen lassen will, mit seinen Sommelierkenntnissen zu glänzen. Die Weinreise mit kleinen Portionen für Autofahrer kostete 18 Euro, für die schwächelnde Begleitung sogar nur 14 Euro – mit fünf verschiedenen Tropfen!

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Sti(e)los, aber weit verbreitet: die Weinpranke

Richtig ärgerlich wird es ohnehin eher in Restaurants der mittleren Preiskategorie. Oft wissen die „Fachkräfte“ nicht einmal, was sie da servieren – und wie sie es tun sollten, auch nicht. Denn manchmal ist beim Transport vom Tresen zum Tisch die gefürchtete Weinpranke im Einsatz, wie man sie in vielen schlechten US-Filmen sieht und die bei uns auch daheim verboten ist, weil die Gläser nun mal nach drei-, viermal obigen stillosen Anfassens (statt unten am Stiel) so fettig und verschmiert sind, dass man sie nicht einmal mehr als Fliegenfalle einsetzen sollte. Apropos: In einem Sternerestaurant hat uns der Sommelier tatsächlich mal erlaubt, die Fruchtfliege aus dem Glas zu entfernen. Dann durften wir weitertrinken …

Doch zurück zur Durchschnittsgastronomie. In einem Steakhouse, in dem 250 g Prime Beef ohne Beilagen 36 Euro kosten, hatten wir einen Franzosen für 6,90 Euro mundwarm serviert bekommen, von dem die Flasche 4,90 kostet. Und wie oft uns schon ein umgekippter Roter kredenzt wurde, der mutmaßlich seit drei, vier Tagen offen rumstand, können wir gar nicht mehr zählen. Wie der „Gastgeber“ damit umgeht, ist immer wieder interessant und vom Erkenntniswert nur noch von der Diskussion über Flaschen mit leichter Korknote zu überbieten, denn leider hat sich noch nicht überall rumgesprochen, dass der Gast immer recht hat.

Die drei häufigsten Reaktionen bei Reklamationen über abgestandenen Wein

  1. Der souveränste Gastgeber tauscht das Glas sofort, ohne Nachfrage und Prüfung gegen ein neues von einer frischen Flasche aus. Kommt viel zu selten vor.
  2. Der Kellner riecht am Glas, zeigt sich gnädig, auch wenn er die abgestandene Note nicht zu erkennen glaubt, und bringt ein neues Glas, nicht ohne dem Gast dabei ein schlechtes Gewissen einzuimpfen. Kommt am häufigsten vor.
  3. Der Gastgeber behauptet, er habe die Flasche gerade erst frisch geöffnet und stellt das Glas, das nicht weiter angerührt wurde, eisern in Rechnung. Kommt zu oft vor.

Unsere Konsequenz: Wir demütigen solche Reklamationsverweigerer mit einem kleinen Trinkgeld und sagen, dass wir nicht wiederkommen werden. Mal sehen, wie lange wir das durchhalten können.