Gib’s mir dreckig!

Gib’s mir dreckig!

Es ist kein Geheimnis: Manche Menschen stehen einfach gerne im Mittelpunkt. Das kennen wir entweder von früher aus dem Klassenraum oder heute von Privatsendern, die nahezu täglich Shows ausstrahlen, in denen Nackedeis über einsame Südseeinseln hüpfen, C-Promis versuchen ihr belangloses Tagwerk zu vergolden oder öffentlichkeitssuchende Rampensäue ihre oft viel zu durchschnittlichen Talente einer noch öfter viel zu gelangweilten Jury darbieten. Nur um im Anschluss mit der schonungslosen Realität konfrontiert und vor einem Millionenpublikum aufgrund mangelnden Talents mit markigen Sprüchen vorgeführt zu werden.

Die Zuschauer lachen, schämen sich fremd oder sind einfach nur glücklich, nicht an der Stelle des Kandidaten zu stehen. Denn wer steht schon drauf öffentlich gedemütigt zu werden? Anscheinend viele, wenn man einen anhaltenden Trend aus den USA beobachtet.

Rücksichtsloser, schamloser, erbarmungsloser

Der „Roast me“ genannte Trend wurde von Usern der Webseite Reddit ins Leben gerufen. Die Regeln könnten simpler kaum sein: Einer lädt ein Bild von sich hoch, und die Community beleidigt munter drauf los. Je dreister die Beleidigung, desto beliebter der „Roast“. Viele Kommentatoren schrecken selbst vor Rassismus, Homophobie oder Behindertenfeindlichkeit nicht zurück.

„Für eine Pizza siehst du doch ziemlich gut aus?!“ oder „Dein Hals ist so lang, wenn du Milch trinkst, ist die sicher abgelaufen bis sie in deinem Magen ankommt“ sind da noch weniger brutal, treffen aber anscheinend genauso die Gunst der User wie extrem verletzende Beleidigungen (wie weit manche dabei gehen, wollen wir hier aus Gründen des guten Geschmacks lieber nicht ausführen – wer seine Neugier dennoch stillen möchte, kann ja mal die Bildersuche einer bekannten Suchmaschine bemühen).

Wichtig für die User scheint bei all der Missgunst neben dem vermeintlichen Spaß vor allem das eigene Ranking in der Community. Denn registrierte User können Beiträge als positiv oder negativ beurteilen und somit den Status der „Röster“ und „Gerösteten“ beeinflussen.

Einen hab’ ich noch

Es geht aber nicht immer um den Sprung ins Rampenlicht – manche sind ja bereits genau dort: Besonders Promis sind immer wieder beliebte Ziele neidischer Artgenossen. Den Beleidigungen gegen Celebrities dauerhaft Einhalt zu gebieten, schafft zwar selbst US-Talkmaster Jimmy Kimmel nicht, jedoch brachte er eine ganze Menge seiner Zuschauer damit zum Lachen.

In „Mean Tweets“ lässt der Entertainer von Zeit zu Zeit Schauspieler, Sänger und andere Stars und Sternchen (selbst der damals noch amtierende US-Präsidenten Barack Obama war schon Teil der Serie) fiese, die eigene Person betreffende Twitter-Botschaften vorlesen. Und es funktioniert: Die Promis nehmen’s (wenigstens zum Großteil) mit Fassung, die Beleidigung scheint gleich weniger schlimm und der Zuschauer findet den vorher hochnäsig erschienenen Promi vielleicht gar nicht mehr so schlimm.

Ob solche Trends nun eine Verrohung der Gesellschaft befeuern oder schlicht nicht jedermanns Geschmack treffen, sei mal dahingestellt. So lange dabei niemand ernsthaft verletzt wird, lernen manche vielleicht auch mal über sich selbst lachen zu können – und wie die meisten Trends wird mit Sicherheit auch dieser nicht für immer bleiben.