Genießen ohne Anlass

Genießen ohne Anlass

Bald ist es wieder so weit: Floristen, Süßwarenhersteller und Gastronomen reiben sich die Hände für den Valentinstag. Schön blöd, wer sich für dumm verkaufen lässt und das Spiel mitspielt. Noch blöder ist dran, wer, obwohl er in einer funktionierenden Paarbeziehung haust, am 14. Februar spontan was essen gehen will. So geschehen vor zwei, drei Jahren, nichtsahnend, dass Valentinstag ist. Nachdem uns auf der Odyssee durch die Innenstadt der vierte Italiener leider, leider abweisen musste, weil schon alles voll oder zumindest reserviert war, sind wir dann bei einem kleinen Asiaten gestrandet und konnten von der irren Annahme profitieren, dass so ein „romantisches Dinner“ offenbar nur mit Pizza und Cola bei unseren italienischen Freunden über die Bühne gehen kann.

Dieses Jahr fällt der 14. Februar auf einen Sonntag. Und wir wünschen allen verliebten Paaren viel Spaß bei der Suche nach einer romantischen Adresse, die auch geöffnet hat. Es sei denn, die geschäftstüchtigen Gastronomen ändern ihre liebgewonnene Gewohnheit und sperren ihre Spelunke ausnahmsweise auch mal an einem Sonntag auf. Erholen davon können sie sich dann ja Montag, an dem die meisten außerdem noch geschlossen haben. Auf dem Land ist das zum Teil anders und sind manche Gastgeber clever genug, auch am Sonntag, vielleicht sogar mittags für uns da zu sein. Manche Innenstädte allerdings werden immer wieder sonntags zu Geisterstädten. Eigentlich müsste ein gewisser Prozentsatz an Gastgebern amtlich dazu verdonnert werden, aufzumachen, damit das Stadtleben – übrigens auch an einem der wichtigsten Tage für Besucher von außerhalb – nicht zum Erliegen kommt.

Nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen

Aber Sonn- und Valentinstage sind nicht das einzige Ärgernis, das einem als Gast bei einem versuchten Besuch widerfahren kann. Große Freude bereiten auch immer wieder geschlossene Gesellschaften. Mal abgesehen davon, dass Hochzeiten grundsätzlich verboten gehören, sollten wenigstens öffentliche Räume – als solche zumindest betrachten wir Gasträume – von den Feierlichkeiten verschont werden. Sollen sich die Leute doch einen Caterer für ihre hundert Gäste bestellen und eine Turnhalle mieten, in den Wald gehen oder auch dahin, wo der Pfeffer wächst. Aber nein: Die schönsten und vorzugsweise Außenlocations sind den ganzen Sommer über belegt. Klar, für den Gastronomen ist so ein Hochzeitsbankett mit Speisen vom Fließband eine sichere Bank. Wer aber als Wirt glaubt, neben der Hochzeitsbande auch noch ein paar versprengte Gäste nebenbei verköstigen zu können, ohne die Kapazität dafür zu haben, der hat die Rechnung ohne den Restaurantkritiker gemacht. Der hat nämlich wie jeder andere Gast auch immer das Recht auf die beste Bewirtung. Wenn dann aber am Katzentisch nur ein paar Essensreste anfallen, die man professionell begutachten muss – so geschehen im noblen Schlosshotel –, darf sich das Haus nicht beklagen, dass es aufgrund einer schlechten Bewertung von einigen Gästen weniger beehrt wird.

Sternemenüs von der Steuer absetzen?

Immerhin sind luxuriöse Geschäftsessen auf Kosten des Steuerzahlers weniger geworden, seitdem vor einigen Jahren in den großen Unternehmen die sogenannte Compliance ein großes Thema geworden ist, dass also bestimmte ethische Richtlinien zur Vermeidung von Korruption eingehalten werden müssen. Was haben wir uns schon gelitten, wenn im Sternerestaurant mal wieder Perlen vor die Säue geworfen wurden! Aber ganz erspart bleibt es uns wohl auch in Zukunft nicht. Jüngst haben sich am Nachbartisch zwei Geschäftsleute zum Yellowfin-Thunfisch und allerlei exotischen Miniaturen ihre Geschmacksnerven mit einem Hefeweizen versiegelt.

Und um unsere kleine Polemik abzurunden: Stammgäste raus! Wer sich als (Promi-)Wirt zu sehr auf eine Bussi-Bussi-Vorzugsbehandlung konzentriert und dabei neue Gäste außer Acht lässt, darf sich nicht wundern, wenn aus neuen Gästen keine Stammgäste werden. „Die kommen doch eh immer wieder, also kümmere ich mich um neue Gäste mindestens genau so gut“, hat uns mal einer der besten Italiener der Stadt gesagt. Das hat uns so gut gefallen, dass wir fast zum Stammgast geworden wären. Zumindest aber denken wir darüber nach, unser nächstes Geschäftsessen oder unsere nächste Hochzeit dort auszurichten…