Wie Bildchen unsere Kommunikation verhunzen
Könnte auch etwas ganz anderes bedeuten.

Wie Bildchen unsere Kommunikation verhunzen

„Man kann nicht nicht kommunizieren“, lautet der erste Grundsatz der Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick. Ob allerdings alles Kommunizierte verstanden wird, ist zu bezweifeln. So versprechen aktuell die Plakate eines Partnervermittlungsunternehmens: „Alle 11 Minuten ♥ Parship.“ Das ♥ verkürzt den ehemaligen Slogan um „verliebt sich ein Single auf“. Jedoch erschließt sich diese Information nur dem bereits konditionierten Werbebotschaftsempfänger und lässt den Uninformierten ratlos zurück. Alle 11 Minuten eine Herzoperation?

Freudentränen-Emoji
Das Gesicht mit Freudentränen

Längst haben Piktogramme, Emoticons und Emojis ihren Weg in die alltägliche Kommunikation gefunden und sind insbesondere digital kaum wegzudenken. 2015 wurde gar der „Tears of Joy“-Emoji – eigentlich überhaupt kein Wort – zum internationalen Wort des Jahres gekürt. Jedes fünfte versandte Emoji in Großbritannien war damals laut „The Verge“ das Tränen lachende Gesicht. Antwortete man bis dahin in Chats mit den Abkürzungen *rofl (rolling on floor laughing) oder *lol (laughing out loud), reagiert man heuer auf lustige Nachrichten mit einem entsprechenden Emoji.

Für Verliebte, die bisher „I ♥ U“ schrieben, gibt es Emojis mit Herzchen und Kussmündern, für das partywütige Volk Sektflaschen und eine Discokugel, und möchte man jemandem zum Geburtstag gratulieren, versendet man ein Tortenbildchen. An Auswahl und Vielfalt mangelt es nicht.

Humor für alle, dank Smiley

Es ist zudem völlig normal, einen Witz mit einem lachenden, zwinkernden oder grinsenden Gesicht zu verbinden. Doch spätestens an dieser Stelle offenbart sich ein Dilemma der Sprachverkürzung und Kontextkennzeichnung. War etwas früher ein Witz, hatte es schlicht eine Pointe:

„Was sagt die Schnecke auf dem Rücken der Schildkröte?“ – „Huiiiiiiii!“

Inzwischen würde dieser Scherz jedoch ohne ein :-D oder ein :-) nicht mehr verschickt werden. Zumindest ruft jede noch so ulkige Nachricht beim Gegenüber große Verwirrung hervor, wenn der Humor nicht über ein Emoticon im Gepäck mittransportiert wird. Am Ende könnte das Geschriebene ernst gemeint sein.

Auf einmal ist jeder humorvoll, denn er teilt durch ein Smiley mit, dass sein Text lustig zu verstehen sei – übrigens auch wenn gar kein Humor drin steckt. Dann ist es nämlich ironisch gemeint. Wer im Gegenzug als sozialer Mensch im Selbstversuch seinen Mitmenschen einen Monat lang keine Bildchen mitschickt, muss sich früher oder später die Frage gefallen lassen, ob er gerade traurig sei.

Mit einem Emoticon im Schlepptau klingt eben alles immer viel freundlicher und lustiger. Beispielsweise wenn das nahegelegene Chemiewerk informiert: „Hoppla, kleiner Unfall :-P Sorry, bleiben Sie bitte in Ihren Häusern, bis wir das Problem im Griff haben :-)“, oder eine Fehlermeldung auf dem Computerbildschirm verkündet: „Uiuiui! Schwerer Ausnahmefehler :-D“ (Ist ein Emoticon eigentlich ein vollwertiger Satzzeichenersatz in direkter Rede?) Gibt es noch nicht? Wird aber bald so kommen. :-D

Schlimmer geht immer

Während Emoticons meist das geschriebene Wort um Kontext ergänzen, ersetzen Emojis direkt alles. Ganze Gespräche lassen sich mit den bunten Bildchen führen. Ein Burger und ein Bierglas? Männerabend! Eine Filmkamera und das Bildchen mit der dampfenden Nudelschüssel? Da freut sich die Angebetete auf ein Date mit Kino und Essen. Wie einst bei den Caesaren im alten Rom, erfolgt die Antwort durch Daumen hoch oder Daumen runter. Selbstverständlich gibt es längst Emojis für die Uhrzeit, zumindest für die vollen und halben Stunden. Einzig der Treffpunkt erfordert gelegentlich noch etwas Sprache. Aber die Banalitäten des Alltags lassen sich bildlich sogar über Sprachgrenzen hinaus kommunizieren. Zumindest wenn man naiv daran glaubt, man könne eine Bild- und Zeichensprache ohne Fehlinterpretationen international anwenden – was nicht funktioniert.

Natürlich lassen sich auch die komplizierten Bereiche des sozialen Zusammenlebens hervorragend bewältigen. Musste man nach Fehlverhalten einst den schriftlichen oder persönlichen Gang nach Canossa einlegen, gibt es nun stumpfstupide Emojis mit treudoof dreinglotzenden Gesichtern, gelegentlich begleitet von einem Sorry im Bildchen. Das hat Tiefgang und entschuldigt garantiert den Fehltritt mit der besten Freundin der Frau oder den Kratzer im Lack des neuen Autos. :-D

Vielleicht sollte man mit der Moderne aber nicht so hart ins Gericht gehen. In der jährlichen, elektronischen Nachricht vom Finanzamt wird zukünftig ein Geldhaufen abgebildet sein und daneben entweder rote oder schwarze Zahlen. Das versteht jeder, erspart die Mahnung zur Nachzahlung und rettet eine Menge Bäume.