Elternstress trifft Mütter härter
Oft an der Leistungsgrenze: Berufstätige Mütter riskieren die Gesundheit. (Schulmäppchen: Scout)

Elternstress trifft Mütter härter

Kinder machen glücklich, aber leider auch sehr viel Arbeit. Berufstätige Eltern jonglieren ständig Stundenpläne, Tagesabläufe, Putz- und Küchenroutinen. Und wird dann noch jemand krank, möchten viele gerne einfach alles hinschmeissen. Wievielen berufstätigen Eltern es aktuell so ergeht, hat die Kaufmännische Krankenkasse wissen wollen, denn die Zahl stressgeplagter Eltern steigt jährlich. 2019 gaben vier von zehn befragten Eltern an, häufig oder sehr häufig durch Haushalt und Erziehung unter großem Druck zu stehen – bis zur Erschöpfung. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber der allermeiste Stress ist offenbar selbstgemacht, verursacht durch zu hohe Ansprüche der Eltern an sich selbst. Und die Mütter machen sich den größten Druck.

In der Studie „Zwischen Allmacht und Erschöpfung“ haben die Marktforscher vom rheingold Institut schon 2017 das Selbstbild von Frauen zwischen 20 und 50 Jahren erforscht. Nach Auswertung von mehr als 1.000 Fragebögen und persönlichen Interviews empfinden zwei Drittel aller berufstätigen Mütter ihren Alltag überwiegend als Stress. Nur vier von einhundert Frauen geben an, ab und zu daheim zu entspannen, indem sie einfach mal nichts tun. An der Überlastung aus Tätigkeiten, Terminen, Erledigungen, Planungen und Notwendigkeiten leiden aber nicht nur die Frauen selbst massiv, auch für Job und Familie sind die Working Mums ein Risiko. Im Kern gibt es zwei Gründe.

Erstens: Die Mehrheit berufstätiger Mütter erwartet von sich selbst, im Job und daheim immer und alles möglichst perfekt zu bewältigen – ihr Motto: Ich schaffe das. Aus diesem Anspruch, so die Macher der Studie, entsteht jedoch regelmäßig eine gefährliche Abwärtsspirale: „Die Annahme, alles schaffen zu können, führt nicht selten zu Gefühlen von Größenwahn, die dann aber in Erschöpfung, Frustration und Versagensängsten münden.“

Zweitens: Berufstätige Mütter tun sich schwer, Ihr Selbstbild als „perfekte Alleskönnerin“ überhaupt in Frage zu stellen. Hilfe oder Entlastung können sie nur schwer annehmen. Denn das wäre schließlich das Eingeständnis, nicht alles im Griff zu haben. Und weil diese Frauen eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie etwas „richtig“ zu machen ist, arbeiten sie den Wäscheberg lieber selbst ab als Kinder oder Mann die Aufgabe „falsch“ erledigen zu lassen.

Viele der Befragten geben zu, dass ihnen manchmal aus nichtigen Anlässen der Kragen platzt, dass sie ihre Kinder minutenlang anschreien, ihre Partnerschaft nicht mehr pflegen und immer unzufrieden sind – bis zum Zusammenbruch. Rushing Woman Syndrom heisst das bei Medizinern: Die Krankheit der eiligen Mütter. Der Dauerstress verändert biochemische und hormonelle Prozesse – mit ernsten Folgen. Die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen nimmt ab, der gesunde Abstand zu Problemen geht verloren und eigene Bedürfnisse werden nicht mehr wahrgenommen. Und ohne dass sie es merken, fällt auch die Leistung im Job immer mehr ab. Wird dann ein Burnout diagnostiziert und droht die Kündigung, steht die Familie schnell vor dem Ruin.

Für die Misere mitverantwortlich sind auch die Männer. Laut Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung arbeitet ER im Schnitt eine Stunde pro Tag im Haushalt, SIE zwei Stunden – zusätzlich zum Job. Entscheidender aber, so die Studie, sind die Rollenbilder, denen die Betroffenen selbst folgen: Supermutter, Karrierefrau und sexy Liebhaberin. Doch überall immer perfekt zu sein, das geht nicht. „Die alles könnende Supermutter ist ein falsches Ideal“, sagen Experten und ergänzen, dass auch familienfreundliche Arbeitsplätze oft Mogelpackungen sind – im Zweifelsfall ist ein Termin im Büro doch wichtiger als ein krankes Kind daheim. Und weil Männer überwiegend den besser bezahlten Arbeitsplatz haben, bleibt Mama dann zuhause.

Statt auf bessere Arbeitsbedingungen oder andere Wunder zu hoffen, ist als erste Maßnahme Selbsthilfe gefordert – und die beginnt mit dem Abschied vom selbst auferlegten Perfektionismus. Der zweite Schritt ist, Verantwortung abzugeben und Prioritäten neu zu setzen.

5 Tipps zum Runterfahren

  • Akzeptieren Sie Grenzen! Wer ständig seine Leistung ausreizt, verschleißt schneller.
  • Eigene Ansprüche sind wichtiger als fremde Erwartungen: Wer immer versucht, die Ansprüche anderer zu erfüllen, wird regelmäßig ausgenutzt. Und das frustriert.
  • Weniger ist mehr: Optimale Ergebnisse sind selten. Wer sich mit 95 % zufrieden gibt, hat mehr Erfolgserlebnisse.
  • Fehler annehmen, nicht ausbügeln: Nicht jedes Ergebnis ist richtig oder falsch. Wer den Toleranzbereich erweitert, schafft Entspannung.
  • Pausen sind keine Faulheit. Denn nur wer mit seinen Kräften sinnvoll haushaltet, hat Reserven, wenn es wirklich drauf ankommt.

Dass das Rushing Woman Syndrom alles andere als eine harmlose „Mama-Krise“ ist, stellt auch das Müttergenesungswerk fest. Waren es 2003 noch 48 Prozent der Kurteilnehmerinnen, die über Burn-Out-Symptome klagten, stieg die Zahl bis 2014 auf über 80 Prozent, aktuell sind es fast 90 Prozent. Dabei spielt es keine große Rolle, ob in Teil- oder Vollzeit gearbeitet wird. Denn solange die Aufgaben in Familie und Beruf nicht fair unter den Geschlechtern aufgeteilt und wertgeschätzt werden, haben Frauen – trotz gleicher oder gar mehr Leistung – die schlechteren Karten.