DIY und der Hype ums Selbermachen
Dann macht's euch doch selbst!

DIY und der Hype ums Selbermachen

Backen, kochen, stricken, töpfern, schrauben – das sind die eher klassischen Beschäftigungen, die gar nicht so sehr als Therapie oder Ideologie missbraucht werden, sondern ein Stück weit dem Selbsterhaltungstrieb dienen. Aber Bierbrauen, Ginbrennen, Käsemachen, Taschennähen, Möbelbauen und Weißgottnochwas – ja, kann man alles mal machen. Aber muss man das auch? Anscheinend. Zur Erhaltung der Rohstoffe, zur Rettung des Klimas, für die gesellschaftliche Integration, sagen die Selbermachermacher wider die Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Außerdem tut man sich selbst etwas Gutes, kann gleichzeitig entspannen und trotzdem was Sinnvolles machen, abschalten im doppelten Wortsinne: den Fernseher zum Beispiel und lieber in den Hobbykeller gehen. Beziehungsweise: So old-fashioned will man ja gar nicht sein, sondern organisiert sich als Teil eines hippen Kollektivs mit Urban Gardening, in Repair-Cafés oder FabLabs, beim Crowdfunding oder im OpenSource.

Guck mal, was ich Tolles kann!

Hauptsache selbstgemacht greift um sich, aber ob man am Ende dieses stolzen Prozesses das Produkt auch benutzen, tragen oder genießen kann, steht auf einem anderen Blatt. Also objektiv betrachtet, denn ganz subjektiv muss das Ergebnis der mühsamen Arbeit ja vorzeigbar sein – nicht nur auf Instagram, Pinterest und in YouTube-Tutorials, mit denen das Netz überflutet wird. Und so werden vor allem Freunde und Verwandte damit „beglückt“. Und manchmal, ja manchmal erinnert das an Selbstgebasteltes des eigenen Kindes, was natürlich gaaanz toll ist und ins Regal gestellt wird – wo das windschiefe Werk dann heimlich Tag für Tag ein wenig weiter nach hinten rückt, bis es irgendwann gar nicht mehr zu sehen und vergessen ist.

Pardon, für Kinder ist der Prozess des Selbermachens tatsächlich eine wichtige Erfahrung, heute mehr denn je. Bei Erwachsenen hingegen kann das skurrile Züge annehmen wie bei Loriot. Wir erinnern uns an – Holleri du dödl di, diri diri dudl dö – Evelyn Hamanns Jodeldiplom, mit dem sie was „Eigenes“ hat? „Ich möchte auch als Frau eine sinnvolle Tätigkeit ausüben und nicht nur am Kochtopf stehen und meinem Mann die Hausschuhe hinterher tragen.“ Ihre Begründung bezieht sich zwar auf die „Berufsausbildung“ mit Jodeldiplom, könnte aber genauso gut für das ach so wertvolle Selbstgemachte stehen.

Und irgendwann ist keiner mehr da für einen

Übrigens: Manche behaupten, so auch gegen die Ausbeutung in der fernen Welt zu kämpfen. Motto: lieber teuer selber machen als billig einkaufen. Dabei vernichten sie mitunter aber auch Arbeitsplätze in ihren eigenen Welt, die immer noch zu zwei Dritteln aus Dienstleistungen besteht. Die schafft man nach und nach ab, weil man eben alles selbst machen kann, sogar ohne etwas herzustellen: Preise einscannen an der Kasse, Check-in und Baggage-Drop-Off am Flughafen – und Bankfilialen braucht sowieso keiner mehr. Nur ein Smartphone kann man sich leider noch nicht selbst basteln, weswegen jedes Jahr ein neues bestellt werden muss, für das Kindersklaven in Afrika nach Kobalt buddeln – derweil man daheim mit Selbstgehäkeltem die Welt rettet.

Sorry, da versuch ich lieber ehrlich zu bleiben. Meine Zeit ist mir zu schade dafür, irgendetwas herstellen zu müssen, was andere viel besser können, um damit mein Ego aufzupolieren und mein Umfeld zu quälen. Natürlich mache ich manches auch selbst, aber eher nach dem Motto: hin und wieder kochen ja, täglich Brot backen nein. So, und jetzt kauf ich mir erst mal was Schönes. Vielleicht eine neue Tasche?