Die Rückkehr der Kittelschürze
Alt und immer noch gut: das Chasuble.

Die Rückkehr der Kittelschürze

Ein Chasuble ist per definitionem ein Überwurfkleid. Also ein Kleid, das über dem Haupt- oder Unterkleid getragen wird. Entweder, um jenes zu schützen (vor klebrigen Kinderhänden, schmutzigen Wäschekörben, Mehlschwaden, Soßenspritzern u. v. m.) oder um es zu zieren. Daher war es besonders in längst vergangenen Wirtschaftswunderzeiten sehr beliebt – war doch die Dame des Hauses bei der Arbeit an ihrem Lebensmittelpunkt so adrett wie möglich und gleichzeitig so praktisch wie nötig gekleidet. Und der solide Schürzenstoff (ja, genau!) konnte zwischendurch auch zum Handabwischen oder Besteckpolieren genutzt werden. Die Älteren unter uns werden sich noch an agfa- und kodak-colorierte Papierabzüge erinnern, auf denen unsere Mütter und Großmütter beim Servieren von Schmorgerichten im Kittelkleid dokumentiert wurden. Mit zunehmender Emanzipation vom heimischen Herd und anderen häuslichen Pflichten jedoch geriet das Kleidungsstück in Vergessenheit.

Wie genau nun ein modernes Chasuble (sprich: [ʃaˈzybl̩]) aussehen soll, darüber ist sich die Modewelt (und was sich dafür hält) nicht ganz einig. Formal scheint alles möglich: vom übergroßen Schlupflätzchen, das wie ein Kleid über den Kopf gezogen und mit seitlichen Bändern geschnürt wird, bis hin zur langen, vorne teilweise geknöpften Weste ist irgendwie alles erlaubt. Namhafte Versender und andere Anbieter textiler Bekleidung offerieren unter dem Begriff auch Kaftane, tunikaähnliche Longblusen oder frontseitig geschlitzte Mini-Kleider. Und wer nach Bildern von Chasubles sucht, entdeckt die Kasel (von lateinisch casula – Häuschen) als liturgisches Gewand – ebenfalls eine Art Überkleid. Apropos Kirche: Auch in der Brautmode erfreut sich das Chasuble einer gewissen Beliebtheit. Warum, ist offensichtlich: Das Überkleid ist wie kaum ein anderes Kleidungsstück in der Lage, kleine Makel im Hüft- und Pobereich zu kaschieren (den Rest erledigt ein geschickt geschnittenes Darunter) und rückt gleichzeitig den Oberkörper positiv ins Blickfeld.

Dabei geht das Chasuble weit über ein rein modisches Statement hinaus. Im Zuge des sich abzeichnenden Revivals der Vollzeitmutter, die ihre oftmals akademische Ausbildung bewusst hinter die Erziehung und Betreuung der Kinder und den mit Perfektion geführten Haushalt stellt und dem Gatten die Profilierung in der Arbeitswelt überlässt, ist das Kittelkleid ein Symbol des Widerstands gegen offensichtlich gestrige feministische Ansprüche. Kampf gegen Gender Pay Gap und Rentenlücke? Engagement gegen weibliche Diskriminierung? Initiative für mehr Frauen in Führungspositionen? Aber sicher – am liebsten als Vorstand eines funktionierenden Familienunternehmens.