Die Masse macht’s

Die Masse macht’s

Fitnessgeräte für die Seele, Sonnenbrillen für Hunde oder Designertaschen für Babywindeln: allesamt Produkte, die gewinnorientierte Unternehmen wohl nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden. Trotzdem schafften es diese Beispiele auf den Markt – mit Hilfe von zahlungskräftigen Unterstützern. Das Zauberwort hinter der Finanzierung lautet Crowdfunding. Und das treibt zum Teil amüsante bis verwunderliche Blüten. Denn für welche sonderbaren Erfindungen die Unterstützer – Backer genannt –, bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen, dürfte bei Außenstehenden oftmals nur zu ungläubigem Kopfschütteln führen.

Crowdfunding – was ist das nochmal?

Mussten Erfinder früher noch Klinken putzen gehen, um ihre Produkte an einen großen Investor zu verkaufen, setzen sie heute häufig auf viele kleine Geldgeber – und zwar online. Auf den verschiedenen Crowdfunding-Plattformen erklären sie in Texten und Videos, was sie finanziert haben wollen und wie viel Geld sie hierfür benötigen. Dann läuft die Uhr. Denn um den gewünschten Betrag zu sammeln, bleibt den Gründern nur begrenzt Zeit.

Die Backer hingegen erwerben durch ihre Unterstützung nicht nur das gute Gefühl, the next big thing mitzufinanzieren, sondern bekommen das Produkt natürlich auch als erste – falls es denn gefertigt werden sollte. Meist enthält der Förderer per Vorauskasse auch noch einen attraktiven Rabatt aufs Produkt. Und das Schöne daran: Jeder kann mitmachen. Eine der größten Plattformen für diese Schwarmfinanzierungen ist Kickstarter. Hier tummeln sich etliche Gründer und potenzielle Backer – immer auf der Suche nach Geld oder dem nächsten Hype.

Ein paar wirklich außergewöhnliche Ideen

Kevan Chandler leidet an einer Muskeldystrophie, die ihn an den Rollstuhl fesselt und ihn Beine und Arme nur eingeschränkt bewegen lässt. Das hindert ihn aber nicht daran, seinen größten Traum zu verwirklichen: einen Teil Europas zu bereisen. Da er das alleine nicht schaffen kann, boten ihm vier Freunde an, ihn zu den Reisezielen zu tragen. Abwechselnd, in einer speziellen Konstruktion auf den Rücken geschnallt – als Backpack sozusagen. Für ihr Vorhaben benötigten sie aber 35.000 Dollar. Nicht gerade wenig Geld für ein paar junge Leute. Aber der Traum wurde wahr: Durch ein emotionales Video und gutherzige Spender sammelten die Freunde innerhalb von nur fünf Monaten das nötige Geld und konnten ihre Tour unlängst starten.

Ob Neil Young gerade auf Tour war, als ihm auffiel, dass die Qualität von MP3s für seinen Geschmack zu schlecht ist, lässt sich an dieser Stelle nur vermuten. Fakt ist, dass der Künstler es mit reichlich prominenter Unterstützung geschafft hat, einen eigenen tragbaren Musikplayer auf den Markt zu bringen: den Ponoplayer. Der spielt Musik im FLAC-Audioformat ab, das einem das Gefühl geben soll, direkt im Studio zu sitzen. Mit dieser Idee und mehr als 6,2 Millionen gesammelten Dollar schaffte es Neil Young gar in die Top 3 der erfolgreichsten Projekte auf Kickstarter.

Es geht aber auch ganz ohne Emotion oder Prominenz: Verantwortlich für einen wahren Klassiker der Crowdfunding-Szene ist ein unter dem Pseudonym Zack Danger Brown operierender Kartoffelsalat-Liebhaber. Ursprünglich wollte er 10 Dollar sammeln, um seine Leibspeise zuzubereiten. Was dann passierte, hätte er wahrscheinlich nicht zu träumen gewagt: Am Ende der einmonatigen Kampagne hatte er 55.492 Dollar von über 6.900 Backern gesammelt. Zu viel Geld für einen einzelnen Salat. Mit dem Überschuss veranstaltete er Potatostock, ein kostenloses Festival für Kartoffelsalat- und Musikfans, und spendete den Rest an Non-Profit-Organisationen, die sich gegen Hunger und Obdachlosigkeit einsetzen.

Das Geld liegt im Netz

Warum nicht mal einen Klassiker vollkommen neu interpretieren? Dachte sich Fred Benenson und sammelte mehr als 3.600 Dollar für seine Herzensangelegenheit: Er ließ Herman Melville’s „Moby Dick“ in Emojis übersetzen. Und jetzt bitte drei Mal raten, wie die Übersetzung heißt – klar: „Emoji Dick“.

Was fehlt der Welt denn sonst noch? Klar: eine Handseife mit dem feinen Duft von Speck. Ganze 127 Prozent des benötigten Betrags bekamen die Macher der „Meat Soap“ für ihr Hygieneprodukt zusammen. Was dann aber vielleicht doch ein Grund ist, das Händewaschen mal ausfallen zu lassen.

Aber es geht noch abwegiger: Mehr als 5.000 Dollar war es einigen Backern wert, die Produktion des Spiels „Roxzai“ zu verwirklichen. Das besteht aus einem Säckchen voller Steine, die man aufeinander stapelt. Das war’s – mehr nicht.

Die haben’s (leider) nicht geschafft

Knapp 2,5 Milliarden Dollar von mehr als elf Millionen Backern sammelte alleine die Plattform Kickstarter bis heute (Stand: Juli 2016) – und finanzierte damit mehr als 108.000 Projekte. Allerdings gibt es auch knapp 194.000 Projekte, die keine ausreichende Finanzierung zusammen bekamen. Rund 44.000 Projekte blieben sogar bei null Prozent stehen. Vielleicht, weil Backer doch nicht jeden Blödsinn mitmachen.

Amerika von seiner besten Seite? 15.000 Dollar wollte Chris B. sammeln, um einen Fotokalender von Amerikas bedeutendsten Sehenswürdigkeiten zu erstellen – immer gepaart mit seinem blanken Hintern. Das wollte aber wohl kaum jemand sehen: Ganze 184 Dollar kamen für das Projekt „American Ass“ zusammen.

Wie erkennt man eigentlich, ob man Hunger hat? Vor diesem Problem stand Clare Stadlen. Ihre Lösung: das Hungrometer. Von 1 wie „am Verhungern“ bis 10 wie „pappsatt“ verrät einem dieses Tool, wie hungrig man wirklich ist. Blöd nur, dass zu viele Backer kein gutes Bauchgefühl bei der Sache hatten. Clare fehlten am Ende fast 10.000 Dollar, um ihre Idee in die Massenproduktion zu schicken.

Seinen Crowdfunding-Traum muss wohl auch Rian Heist ad acta legen. Schlappe 300.000 Dollar wollte er sammeln, um in seiner Heimatstadt Cincinnati ein Bacon-Museum zu eröffnen. Leider bekam er nur 283 Dollar zusammen. Kleines Trostpflaster: Damit kann er sich zumindest mit ein paar Speck-Seifen trösten.

Die Idee des Crowdfunding floriert, und von tollkühnen Projekten werden wir mit Sicherheit auch in Zukunft hören. In einigen Fällen hätten die Backer ihr Geld wohl lieber gespart – das wäre in den meisten Fällen in einem dieser tollen Portemonnaies ohnehin besser aufgehoben. Ganz ohne Nervenkitzel, versteht sich.