Das Mikrofon-Syndrom

Das Mikrofon-Syndrom

Wer sehenden Auges und aufmerksam durch die Stadt schreitet (zum Beispiel, weil der Akku seines Smartphones leer ist), beobachtet immer öfter Menschen, die ihr Telefon nicht an die Wange pressen, sondern frontal vor den Mund halten. Das Smartphone als Mikrofon, über das die willenlose Welt mit der eigenen nicht enden wollenden Wort- und manchmal sogar Gedankenflut beschallt wird? Oder was soll das?

Wurden Dialoge bis vor einigen Jahren noch in Echtzeit geführt – nach dem System „Einer redet, der andere hört zu“ – finden sie heute oftmals zeitversetzt statt. Anstatt miteinander zu sprechen (und im besten Falle durch aktives Zuhören Empathie zu signalisieren), wird dem Gerät eine Nachricht diktiert, die in eine Textnachricht umgewandelt wird, um sodann auf dem Display des Kommunikationspartners zu erscheinen – der mit derselben Methode antwortet. Da sich durch das Diktieren manchmal phonetische Missverständnisse einschleichen, hat der User gerne ein Auge auf das, was die Spracherkennungssoftware aus seinen Worten macht. Und das geht nun mal am besten, wenn man das Telefon vor dem Mund in der Hand hält.

Es gibt aber auch handfeste medizinische Gründe für die neue Haltung dem Smartphone gegenüber. Wem der Physiotherapeut einen Handy-Nacken diagnostiziert hat – eine durch Vorstrecken und Nach-unten-Blicken verursachte Überbelastung der Nackenmuskulatur – läuft lieber aufrecht quasselnd hinter seinem Smartphone her.

Abgesehen davon sind auch Telefonnutzer unterwegs, denen die Sache einfach zu heiß geworden ist – je nachdem, was man seinem Smartphone so abverlangt, kann die Temperatur eines an der Backe klebenden Telefons ja schon mal zur globalen Ohrerwärmung ausarten.

Und dann gibt es da noch die Besorgten. Sie haben Angst vor Elektrosmog, Handystrahlung oder krankmachenden Keimen – können sich doch auf dem Display eines durchschnittlichen Mobiltelefons deutlich mehr schädliche Mikroorganismen befinden als auf der heimischen Klobrille (und wer will die alle mitten im Gesicht haben?). Dann lieber gesunde Distanz wahren.

Auch der klassische Entscheider im teuren Anzug, der seine milliardenschweren Deals bevorzugt in Hörweite eines breiteren Publikums abwickelt, wurde schon in neuer tragender Rolle gesichtet. Kann er doch nun seine Anweisungen noch markiger ins Mikro bellen, wohl wissend, dass ihm beim Heben des linken Armes dekorativ die Hemdmanschette verrutscht und den Blick auf die lässig erschuftete Prestigeuhr freigibt.

Bevor sich die Häme über weitere arglose Telefontypen ergießt, wirft der Pragmatiker sein Argument in die Handyschale: Auch Menschen, die einfach nur verstanden werden wollen, nutzen inzwischen bevorzugt den demonstrativen Mikrofon-Sprech. Oder warum sonst hat der Gott des Smartphones das Mikrofon UNTEN am Gehäuse angebracht? Tja. Gute Frage. Siri, warum ist das so?

Für alle, die eine stilvollere Art der Kommunikation bevorzugen, empfiehlt sich nach wie vor: Sprachdialoge in den eigenen vier Wänden erledigen – gerne auch in Real Time und Mouth to Ear. Im Café Brille auf und Tippen statt Labern. Und beim Flanieren lieber lautlos zeigen, was man so draufhat … und das Smartphone in die Tasche stecken (ja, genau, dafür haben die Designer diese praktischen Handyfächer vorgesehen!).