Darf man das Sport nennen?!

Darf man das Sport nennen?!

Während sich besorgte Eltern über die wachsende Zahl junger Schlaffis entrüsten, entwickelt sich hinter ihrem Rücken der Trend eSports in Deutschlands Kinderzimmern unaufhaltsam zum Massenphänomen.

Es braucht auf den ersten Blick eben auch nicht viel, um sich in der Szene zu bewegen. Einen internetfähigen Computer (muss nicht einmal das neuste Modell sein) oder eine Spielekonsole mit Internetanschluss, einen schnellen Internetzugang und oftmals eine E-Mail-Adresse. Die Klassiker des Genres wie „League of Legends“, „CS:GO“ und „DotA 2“ bekommt man auf den Plattformen der Hersteller gratis oder zumindest für schmales Geld. Und dann heißt es üben, üben, üben. Denn wie beim Lernen eines Instruments braucht man auch fürs digitale Kräftemessen sehr viel Zeit und Ausdauer. Zeit und Ausdauer, die Kinder besser auf dem Fußballplatz oder vor dem Klavier verbringen sollten, wenn’s nach den Eltern ginge.

Große Sportvereine investieren

Darüber kann man lachen, weinen oder die Geschichte einfach damit abtun, dass es hier nicht um richtigen Sport geht. Was man aber nicht kann, ist leugnen, dass das Thema längst Wellen außerhalb von Kinder- und Jugendzimmern schlägt. Nicht umsonst bauen traditionsbewusste Sportvereine wie der FC Schalke 04 oder der VFL Wolfsburg eigene eSport-Abteilungen auf, um sich mit etablierten Teams wie SK Gaming oder Team ROCCAT zu messen – und selbst der Fußball-Rekordmeister FC Bayern München liebäugelt mit einer Mannschaft für digitale Wettstreite.

Damit befinden sich die deutschen Vereine in illustrer Gesellschaft, denn auch in anderen Ländern bleiben eSports nicht unentdeckt: Auch bei Manchester City, Westham United, Sporting Lissabon, Ajax Amsterdam, Paris Saint-Germain, beim FC Valencia oder Beşiktaş Istanbul wird mittlerweile vor dem Computer oder der Spielekonsole Sport getrieben. Wobei man in Asien längst weiter ist: Ab 2022 werden eSports offizielle Sportart bei den Asienspielen sein.

Um bei dieser Konkurrenz mithalten zu können, braucht es viel Expertise und neue Ideen – und so werden die ersten Profis aus anderen Sportarten rekrutiert: Der ehemalige Bundesliga-Trainer Robin Dutt nimmt nach einem kurzen Intermezzo als Manager beim VfB Stuttgart Kurs auf elektronischen Sport. Bei der Firma eSportsReputation GmbH, einer Berateragentur für Fifa-Videospieler, soll der auch schon als DFB-Sportdirektor tätige gelernte Industriekaufmann eine Stelle als Berater und Beirats-Mitglied bekleiden. Im Detail möchte sein neuer Arbeitgeber seine Erfahrung aus dem Profi-Fußball nutzen, um herauszufinden, inwiefern Ausbildungs-, Fitness- und Trainingsplanung aus dem echten Fußball in die Welt des digitalen Sports integriert werden können. Außerdem sollen Talentenförderung und taktische Planung zu seinen Tätigkeitsbereichen gehören. Wir wünschen gutes Gelingen. Vielleicht klappt’s ja im eSport besser mit der Karriere.

Jeder möchte ein Stück vom Kuchen

Der Stein eSports kommt aber erst richtig ins Rollen: Jeder möchte schließlich ein möglichst großes Stück vom Kuchen abhaben, denn längst ist aus der Nische ein millionenschweres Geschäft mit finanziell starken Sponsoren geworden. Erste eSportler können von ihrem Gehalt mittlerweile ihren Lebensunterhalt bestreiten; Preisgelder bei Turnieren, Zuschauerzahlen und Sponsoring-Verträge kennen momentan nur eine Richtung: nach oben.

Wie in anderen Sportarten ist der Weg zum Profi aber lang und beschwerlich. Man muss aus der Masse herausstechen – vor allem durch Schnelligkeit und mentale Leistung, ähnlich wie beim Schnellschach. Wer es in ein Team schafft, hat auch den Alltag eines Profisportlers: Neben 8 bis 12 Stunden Spielen pro Tag stehen noch Turnierreisen, Fantreffen, Interviews oder Taktikbesprechungen auf dem Programm. Da bleibt nicht viel Zeit für eigene Freizeitgestaltung. Dafür winken Turnierpreisgelder in Millionenhöhe, Wettkämpfe in ausverkauften Sportarenen und jede Menge Bewunderer.

Wer taugt zum Profi

Wer professioneller eSportler werden will, muss vor allem viel Disziplin an den Tag legen – wie in anderen Sportarten eben auch. Mentale Stärke, Siegeswille oder Teamfähigkeit sind in eSports-Teams genauso gefragt wie in jeder Fußball- oder Rudermannschaft. Wer lieber einen Rockstar-Lifestyle verfolgt, wird hier wohl wenig Chancen haben – wobei es sicher auch in diesem wie in jedem Genre Ausnahmen gibt. Die sind aber dünn gesät.

Dem digitalen Sport können Kinder wunderbar als Hobby nachgehen. Denn wie bei so vielem im Leben gibt es auch hier nicht nur Nachteile – und in Maßen verfolgt bringt es ja auch viel Spaß. Wer allerdings auf lange Sicht den Rubel rollen sehen möchte, sollte sich lieber auf seine Schulbildung konzentrieren. Da ist die Hingabe wahrscheinlich besser investiert. Oder man schlägt einen anderen Karriereweg ein – wie Fußballprofi zum Beispiel.