Back in Black

Back in Black

You spin me right round, baby right round

Popsternchen und Mega-DJs überfluten derzeit die Single-Charts in unregelmäßigen, aber möglichst kurzen Abständen mit neuen Chartbreakern. Es scheint, als werde die heutige Chart-Musik nach der Matrix der Boston Consulting Group produziert – fällt eine Cash Cow weg, muss ein neues Sternchen bereits am Himmel leuchten. Das Revival der Schallplatte durchbricht dieses Schema und gibt der Idee des Musikalbums wieder einen Sinn; denn Shuffle- oder Repeat-Wiedergabe gibt es hier nicht. Aber wo kommt die Schallplatte eigentlich her?

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Dutch Scenery/Shutterstock.com

We’ve come a long way together

Im Jahr 1930 bringt das amerikanische Label RCA Victor die erste Langspiel-Schallplatte aus Polyvinylchlorid auf den Markt. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern aus Schellack weiß das zwölf Zoll messende Vinyl durch längere Laufzeit, weniger Störgeräusche und seine robustere Beschaffenheit zu überzeugen. Ein Jahr später bereits wird die Stereo-Schallplatte erfunden, aber erst im Jahr 1958 durch Mercury Records herausgebracht. Sie gilt bis heute als Standard für die Klangwiedergabe aus zwei Kanälen. Mit Einführung der Compact Disc (CD) Mitte der 1980er Jahre nahmen die Verkäufe von LPs stetig ab.

1990 erklärten die führenden Konzerne der Phonoindustrie zusammen den Tod der Schallplatte und setzten fortan nur noch auf die Audio-CD – von der 1990 doppelt so viele Einheiten wie von Schallplatten verkauft wurden. So richtig weg war das Vinyl aber nie wirklich – es fristete sein Dasein im Untergrund. Techno- und Indielabels haben das Format Schallplatte nie aufgegeben. Auch DJs aus den Bereichen Hip-Hop, House, Techno und Drum’n’Bass schätzten Vinyl weiterhin, da es sich besonders gut für den Mix zweier Songs eignete. Auch genretypische Sounds wie das Scratchen (die Platte wird mit der Hand schnell vor und zurück bewegt, um einzelne Stellen eines Liedes zu wiederholen oder einen typischen kratzenden Klang zu erzeugen) sind der Schallplatte zu verdanken.

Seit Mitte der 2000er Jahre nehmen die Vinyl-Verkäufe wieder zu – und spätestens seit die Platte 2008 mit dem „Record Store Day“ einen eigenen Tag bekommen hatte, war ihr Revival unaufhaltsam – und das hält bis heute an: in 2014 wurden wieder mehr als 1.8 Millionen Alben auf Vinyl verkauft.

Der Hype um die schwarzen (oder auch farbigen) Scheiben geht schon so weit, dass Schallplatten mittlerweile ihre eigenen, monatlich erscheinenden Verkaufs-Charts haben – zusammengetragen vom Marktforschungsinstut GfK, dass auch für die übrigen deutschen Hitlisten zuständig ist. In der ersten Ausgabe standen Iron Maiden mit ihrem Doppelalbum „The Book Of Souls“ auf der Pole-Position. Aber was macht die Faszination aus, welche Platten momentan auf die Musikwelt haben?

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Radiokafka/Shutterstock.com

Vinyl vs. Compact Disc

Sicher kann man der Schallplatte viele Vorteile zusprechen. Der warme, einnehmende Klang, wenn sich die Nadel in die Rille legt, die Haptik und Aufmachung der Scheiben, die großen Artwork-Cover, die oft üppigen Begleithefte … und die Tatsache, dass die Schallplatte das Musikhören an sich wieder zu einem richtigen Erlebnis macht. Man nimmt sich Zeit, um ein Album zu hören – wobei die Betonung ganz klar auf Album liegt. Man hört sich nicht einzelne Songs an, sondern die ganze Geschichte, die einem der Künstler mitteilen möchte.

Die Platte nimmt man nicht mit ins Auto, zum Joggen oder in die Straßenbahn. Man hört eine Schallplatte zu Hause, macht es sich dabei gemütlich, liest die Texte mit oder lässt seine Gedanken schweifen. Der Fernseher bleibt mal aus, und auch auf dem Laptop läuft kein Stream der neuesten Serie. Stattdessen gibt man sich den Klängen hin, welche die Nadel der zwölf Zoll großen Platte mit 33 rpm (rounds per minute) entlockt. Die Platte macht aus der Musik mehr als schnöden, schnelllebigen Konsum – und hebt sie auf den Stand eines besonderen Genusses, für den man sich Zeit nimmt.

Ein klarer Nachteil ist aber genau die eingeschränkte Mobilität und auch der finanzielle Aspekt. Denn eine Platte ist meist teurer als ihr Pendant auf einem Silberling. Aber der Vinyl-Veröffentlichung, muss man fairerweise sagen, liegt oft ein Download-Code für MP3-Dateien der Songs oder gleich die konventionelle CD-Version bei. So rechtfertigt sich auch meist der höhere Preis für die Schallplatte – länger haltbar als die CD ist sie ohnehin. Geht es um die Hardware, sind nach oben kaum Grenzen gesetzt: Für den teuersten Plattenspieler könnte man sich immerhin auch ein kleineres Einfamilienhaus leisten.

David vs. Goliath

Wer meint, dass vom derzeitigen Erfolg der Schallplatte alle Labels und Vertriebe etwas haben, irrt. Die Indie- und Underground-Szene beispielsweise bekommt kaum etwas vom Kuchen ab. Im Gegenteil: Durch den anhaltenden Hype kommen die kleineren Labels sogar in die Bredouille.

Nach und nach legen Majorlabels Reissues sämtlicher Klassiker auf Schallplatte auf. Das freut den finanzstarken Musikfan natürlich. Die Versuchung, die eigene CD-Sammlung komplett auf Vinyl nochmals zu erstehen, ist groß – was die Musikindustrie mit Sicherheit begrüßen würde (blöd nur, wenn man genau dieses Spiel bei der Umstellung von Schallplatten auf CDs schon mal mitgemacht hat). Indie-Fans schauen dank dieser Praktiken aber in die Röhre, denn die ohnehin ausgelasteten Presswerke stoßen durch die Aufträge von großen Labels an ihre Grenzen. Die Folge: Veröffentlichungstermine neuer Platten verzögern sich, denn Vorrang haben die Platten der großen Firmen.

Obwohl Presswerke zum Teil drei Schichten fahren und selbst am Wochenende durcharbeiten, kommen viele Schallplatten nicht zum eigentlichen Veröffentlichungstermin in die Läden. Neue Maschinen lohnen sich für die Presswerke nicht, und wer weiß, wann der Hype wieder vorbei ist? Außerdem fehlt es oft auch am technischen Wissen, denn wo sollen die ganzen Experten herkommen, nachdem die Industrie die Platte für tot erklärt hatte? So entstehen durch antiquierte Technik und teilweise fehlendes Know-How lange Lieferzeiten – oder büßt die Platte selbst an Qualität ein. Für die kleinen Labels scheint in diesem Spiel kein Platz mehr. Dabei waren es gerade sie, die die Schallplatte nie aufgegeben hatten – und sie sicher auch jetzt nicht aufgeben werden.