Autofahren mangelhaft

Autofahren mangelhaft

Die Liebe ist verflogen. Autofahren ist für mich (Führerscheinjahrgang 1982) nur noch eine Beziehung und gerade so zu ertragen. Kaum ein Kilometer verfährt sich, ohne meinen ohnmächtigen Hilferuf nach mehr Hirn und viel mehr mobilen Ordnungshütern. An der ersten Ampel starre ich ungläubig auf einen Hinterkopf, der sich offensichtlich mehr für Dinge im Beifahrerfußraum interessiert als für die Lichtzeichenanlage – die Grünphase verglimmt bewegungslos. An der zweiten kommt Grün lange gar nicht, denn die Mittelklasse-Limousine hat den entscheidenden Meter bis zur Kontaktschleife nicht geschafft. Ich hupe knapp und höflich, aber mit verschämt-frustriert gesenktem Haupt, schließlich ist der akustische Warngeber für Notsituationen vorgesehen, und das hier ist allenfalls mangelndes Verständnis moderner Verkehrsleittechnik.

Dann endlich doch in Fahrt gekommen, stoppe ich an der nächsten Kreuzung – trotz grünem Signal – und werde sofort akustisch bombardiert. Im Rückspiegel beobachte ich lebhafte Gesten: Der Fahrzeugführer drängt dazu, mich in die längst vollständig zugestellte Spur zu gesellen. Dass sich von rechts auch noch eine Straßenbahn nähert, ist für ihn kein Grund zu mehr Geduld. Nur der Radfahrer, der sich durchmogelt, bekommt von allem Fluchen und Getute gar nichts mit – dem Kopfhörer auf seinen Ohren sei’s gedankt.

Während ich stoisch warte, rufe ich mental die Unfallstatistik ab. Risiko Nummer 1 ist Alkohol. Da alle aber gerade stillstehen, blende ich diese Gefahr aus. Auf Platz 2 folgt „falsche Straßenbenutzung“. Jetzt spüre ich Panik aufsteigen – ich fahre doch ausschließlich auf Straßen!

Als ehemaliger Motorradfahrer bin ich auch außerhalb geschlossener Ortschaften selten entspannt. Zum einen sind da aktive Motorradfahrer, von denen einige deutlich mehr PS als IQ vorweisen können – ein wichtiger Grund für regelmäßige Blicke in den Innen- und die Außenspiegel. Noch mehr beunruhigt mich allerdings, was von vorne kommt. Statt die Spurmitte zu wählen, orientieren sich manche an der Mittellinie, so als würden sie ein Flugzeug starten oder landen, ganz ähnlich den Mitte-Träumern auf der dreispurigen Autobahn, die niemals nach links wechseln, sondern allenfalls rechts mit minimal erhöhter Geschwindigkeit einen Artgenossen zu überholen versuchen.

Straßenverkehr ist und bleibt gefährlich, und es gibt viele Gründe, dass der Markt für Fahrassistenz- und Sicherheitssysteme boomt. Aber sicherer fühle ich mich nicht. Wer die Grundregeln nicht beherrscht (oder ausblendet) und dazu keine Vorstellung hat, wo sich das eigene Fahrzeug im Verkehrsraum befindet, braucht Hilfe. Abstandswarner und Einparkhilfen mögen im Grenzbereich nützlich sein, wenn mir aber der Gegenverkehr lieber den Spiegel abfährt als weiter rechts zu fahren (wo noch mehr als ein Meter Platz ist), hege ich Zweifel, ob das Mehr an Technik nicht tatsächlich zu mehr Unvermögen führt.

Zugegeben, die Zahl schwerer Unfälle ist rückläufig. Aber wenn man die meiste Zeit vor versperrten Kreuzungen oder hinter überforderten Rückwärtsparkern warten muss, wird mir deutlich: Das häufigste Tempolimit ist hausgemacht.

Mein Auto steht jetzt still. Sechzig Meter weiter steckt ein Geländewagen fest zwischen einem vorschriftsmäßig geparkten Sprinter und der Zugmaschine eines Sattelaufliegers. Der eine wollte durch, der andere fuhr vor – oder andersrum – jedenfalls im falschen Augenblick. Hinter mir staut es sich bis zur Kreuzung. Ich nutze die Zeit und schreibe diesen Artikel – das Radio voll aufgedreht, denn anders ist das Gehupe nicht zu ertragen.