Patchwork-Ferien

Patchwork-Ferien

Heute schreibe ich mal nicht aus der Sicht einer Mama. Heute schreibe ich aus der Sicht einer Schwester, Stiefschwester, Halbschwester, Tochter und Stieftochter. Als Teil einer ganz normalen unnormalen Familie. Allerdings: Das wird kein Ratgeber oder ein Text aus Tipps, wie man es richtig zu machen hat. Ich möchte mich nicht hinstellen und jemandem vorschreiben, wie er sein – ohnehin schon schweres – Familienleben zu leben hat.

Wie ich gerade schon sagte, es ist niemals leicht, in einer Familie zu leben. Es treffen mehrere, manchmal viele, verschiedene Charaktere aufeinander und man wird ihnen – trotz der größten Dummheiten, die sie begehen – verzeihen (müssen). Seine Familie wird man ja schlecht los.

Wenn jetzt noch die Tatsache dazu kommt, dass zwei Elternpaare sich trennen und zwei Familien neu zusammengewürfelt werden, nachdem das Leben der Kinder und auch das der Eltern erst einmal entzweigerissen wurde, vereinfacht das die Situation nicht gerade. Es bedarf sehr viel Aufgeschlossenheit, viel Empathie und noch mehr guten Willen dazu, wenn man möchte, dass alles gut läuft. Und selbst dann kann es vorkommen, dass eine Familienzusammenführung dieser Art nicht funktioniert.

Family Feeling: Wenn die große große Schwester, die kleine große Schwester und das eigene Kind ein Plätzchen im eigenen Beautycase bekommen … und man selbst auch noch was reinkriegt.

Unsere Familie besteht mittlerweile aus acht Kindern und einer 20-jährigen Altersdifferenz zwischen dem ältesten und dem jüngsten Geschwisterteil. Niemals kam es dazu, dass wir alle gemeinsam im Urlaub waren, aber mit fünf Kindern und zwei Erwachsenen auf einem Campingplatz in Italien kann es schon auch ganz schön zur Sache gehen. Ich denke, es ist sehr wichtig, die Kinder niemals in einen Loyalitätskonflikt zu bringen. Ich persönlich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, ob ich mit meinen Entscheidungen oder meinem Handeln meine Mama oder meinen Papa traurig machen könnte. Deshalb sollte es auch immer drin sein, „Nein“ zu einem Urlaub sagen zu dürfen.

Es war einer der ersten Urlaube, die wir gemeinsam verbrachten. Alles war noch neu – und wie jüngere Kinder so sind, kamen wir alle recht schnell miteinander gut aus und genossen es, immer jemanden zum Spielen zu haben. Oft gingen wir uns auf den Keks und stritten, bis die Fetzen flogen. Unsere Eltern hatten also ganz schön zu tun. Aber was will man anderes mit 5 Kindern erwarten? Wie bei echten Geschwistern eben. Es gab also in diesem einen Urlaub ein Punktesystem, bei dem man mit erledigter Hausarbeit und gutem Verhalten Punkte dazuverdienen konnte oder durch schlechtes Benehmen eben auch verlieren. So kam es zum Beispiel gleich zu Anfang dazu, dass einer der Jungs einen immensen Punkteabfall erlitt. Es hatte nachts geregnet und der aufgespannte Schirm war voller Wasser, das ich durch einen gekonnten Zug am befestigten Seil genau auf den Kopf und über den ganzen Körper bekam. Letztendlich durften wir allerdings alle – unabhängig des Punktestandes – in den Vergnügungspark unserer Wahl. (Auch Tobi, der zum aktuellen Zeitpunkt meines Wissens nach im Minus war.)

Es war sicher nie ganz leicht, die Erziehungsstile zweier Familien in einem zusammenzubringen. Jeden gleich und gerecht zu behandeln. Allerdings wurde bei uns niemals zugelassen, Unterschiede zu machen oder jemanden auszuschließen. Und trotz der vielen Streitereien fiel in den knapp 20 Jahren niemals der Satz „Du gehörst nicht richtig dazu“ oder „Du bist nicht mein Bruder/meine Schwester“. Kindern fallen solche Dinge meiner Meinung nach nicht ein. Es ist die Art, wie die Eltern es einem vorleben.

Meine beiden Bonusschwestern Louisa (links) und Maxi (rechts) , mein Hardware Beautycase und ich. Nicht im Bild, da hinter der Kamera: Meine Schwester Jule.

Wir haben niemals einen Unterschied gemacht und so manches Mal vergesse ich bei dem einen oder anderen Geschwisterteil, dass sie nicht meine „leiblichen“ Geschwister sind. Ein Fakt, der eigentlich auch vollkommen trivial ist, wenn man mal bedenkt, wie toll es ist, seine Familie erweitern und vergrößern zu können. Man hat immer genug Liebe zu geben, man bekommt so vieles zurück – und das Beste ist, wenn man mal jemanden braucht: Eines der hundert Geschwister hat immer für mich Zeit. Und die meisten auch immer ein offenes Ohr …

Nun weiß ich, dass es viele verschieden Arten der Patchworkfamilien gibt, und viele sind sicherlich auch schwieriger zu kombinieren. Und natürlich war bei uns nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir haben, wie jede andere Familie, unsere Tragödien durchgestanden und die ein oder andere Leiche im Keller – und Probleme wie alle anderen auch. Und nicht alle wollen Teil dieser großen Familie sein. Es ist nun mal nicht jedermanns Sache. Manche sieht man oft, manche fast nie.

Letztendlich sind wir aber – und da ist egal, ob da noch ein „Stief“ oder „Halb“ davor steht – eine große, verrückte Familie. Abgesehen davon mag ich das Wort Stiefgeschwister nicht. Ist Bonusgeschwister nicht ein viel schönerer Begriff?