Nein, nein, nein!
Wie erklärt man einem Zweijährigen, dass er noch nicht mit Papas Vespa fahren darf? Rucksack: Scouty

Nein, nein, nein!

Oft die ersten Worte aus den kleinen Mündern. Neben „Lotte“ (so heißt unser Hund) war das auch das Erste, was unser großer kleiner Mann sagen konnte. „Lotte, NEIN!“

Warum das so ist, lässt sich leicht erklären. Wir sagen dieses Wort einfach auch sehr oft. Das ist nicht wertend gemeint, denn für Kinder ist es (meiner Meinung nach) wichtig, dass sie Grenzen erfahren, austesten und auch selbst setzen dürfen. All das führt zu einem leichteren Umgang mit den Eltern und später auch in der Gesellschaft.

Ganz früh schon bringe ich meinem Kind also bei, was es bedeutet, etwas nicht tun zu dürfen. Was es bedeutet, mit seinem Frust umgehen zu müssen, und auch ein Stück weit, wie ich andere manipulieren kann. Dazu aber gleich mehr.

Mein Kind will mich nicht ärgern. Nicht in dem Sinne, in dem ich es oft auffasse. Das weiß ich. Das weiß Daniel. Nur mein genervtes Ich, das weiß das nicht. Mika wurde gerade zwei, seit einem halben Jahr ist er großer Bruder und bald kommt er in die Kita. Viel zu verdauen für alle also, und es heißt ja nicht umsonst: Terrible Two.

Es ist tatsächlich anstrengender geworden in der letzten Zeit. Mika will zum einen seine Bedürfnisse befriedigen und zum anderen uns als seine Eltern kennenlernen. Was wollen Mama und Papa? Was möchten sie nicht? Was finden sie gut und schlecht, was richtig und falsch? Sie lernen nach und nach unsere Moralvorstellungen und Weltansichten kennen und vertiefen so über die Jahre hinweg, wie wir als ihre individuellen Vorbilder leben. Und sie saugen alles in sich auf. Wir formen unsere Kinder und prägen sie mit allem, was wir tun.

Ich habe vor einiger Zeit einen wundervollen Satz gelesen, der mir sehr unter die Haut ging: „Unser Alltag ist ihre Kindheit.“ Oft denke ich daran, wenn ich meine schlechte Laune mal wieder in Reizbarkeit Mika gegenüber umwandle und vieles an ihm auslasse. – Jippieh, Mom of the Year. Wieder rutscht mir ein lautes “Mika, nein!“ raus … und ich bin genervt, weil mir erneut etwas nicht passt.

Wenn ein „Nein“ sein muss, nehme ich Mika ernst, begleite ihn in seinem Frust und bleibe dabei mit ihm dabei auf Augenhöhe – so oder so.

Aber es ist tatsächlich so. Es wäre so viel leichter für unsere Kinder, uns zu verstehen, wenn wir öfter darüber nachdenken würden, was wir wie sagen und formulieren. Ein kurzer, deutlich und einfach formulierter Satz ist so viel verständlicher für unsere Sprösslinge. Ich meine, wie oft erwartet und verlangt man von den kleinen Rackern viel zu viel, weil man einfach gereizt ist?

Statt also zu sagen „Mit Brillen spielt man nicht, die kosten viel Geld. Mama will das nicht“, ist es besser, wenn ich sage: „Ich will nicht, dass du mit meiner Brille spielst!“

Das ist leicht verständlich, kurz und aus der Ich-Perspektive heraus formuliert. Das hat viel mehr Überzeugungskraft. (Stellt euch mal vor, Erwachsene würden so miteinander kommunizieren, ständig in der dritten Person über sich sprechen …)

Nein, das heißt jetzt nicht, dass man nicht mehr „nein“ sagen darf. Im Gegenteil, Kinder brauchen dieses Wort, wie oben schon erwähnt. Aber ich sollte es auch mit Bedacht wählen. Ich möchte mein Kind nicht untergraben in seinen Gefühlen und Entscheidungen. Ich versuche, Mika ernst zu nehmen und mir vorzustellen, wie er eine Situation für sich erlebt.

Ich versuche, nicht ZU konsequent zu ein. Also nicht aus dem Grund, weil ich es kann, weil ich der Bestimmer bin – sondern, weil es sein muss und es mein Bedürfnis ist. Dabei möchte ich natürlich nicht an meinen Grundüberzeugungen rütteln lassen, aber meine Meinung darf ich sehr wohl ändern. Ich würde mich ja selbst der Möglichkeit berauben, etwas dazuzulernen. Inkonsequenz aus Faulheit heraus meine ich damit nicht. Fängt man das an, wissen Kinder schon recht bald, wie sie manipulieren können – und dass an Mamas und Papas „Nein“ stets noch was zu rütteln geht.

Ich will mein Kind besser verstehen und selbst reifer werden. Es ist unglaublich schwer für mich, das Wort Nein und meine sonstige Macht nicht oft auszunutzen. Ich arbeite an mir und sitze oft mit ihm am Boden, wo wir uns zusammen darüber ärgern, dass Mika in seinem Alter noch nicht mit Papas Vespa fahren darf oder sonstige Frustrationen.

Ich begleite ihn in seinem Frust, nehme ihn ernst und bleibe auf Augenhöhe (im echten und im übertragenem Sinne). Oft wundert es mich, wie sehr er meinen Respekt erkennt und auch anerkennt. Das macht mich stolz – und ich merke, ich habe trotz meinem 35. „Nein“  heute schon etwas richtig gemacht.

Das und vieles mehr habe ich mir nicht aus den Fingern gesaugt. Ich habe mich schon länger damit auseinander gesetzt, wie ich meine Kinder erziehen will, denn mir war immer klar, dass ich meine eigene strenge Erziehung, die oftmals haltlos und übertrieben war, nicht so übernehmen möchte.

Es macht also immer Sinn, sich zu hinterfragen, was man da gerade tut. Dass das alles mal so schwierig werden könnte, hätte ich mir nie gedacht. Aber ich sehe es als Herausforderung – und versuche, in der Erziehung meiner Kinder den für mich richtigen Weg zu finden.