Mutter Natur erzieht nicht
Auch Eltern können von Mutter Natur lernen. (Natur-Sammelbox: Lingen Verlag)

Mutter Natur erzieht nicht

„Du bist so Öko“, seufzt Daniel und schüttelt lächelnd den Kopf, als er uns drei draußen vor dem Haselnussstrauch sitzen sieht und hört, wie ich über den lieben Wurm rede, der ein Loch in die Nuss gebissen hat. Ich lache in mich hinein und denke mir, „jaja, das sagt der mit den veganen Barfußschuhen“.

Mikas Sammelbox begleitet meine beiden Entdecker auf ihren Erkundungen – und hat schon so manches Mal zum Geschwisterfrieden beigetragen. (Scout Sammelbox: Lingen Verlag)

Mika hört gar nichts, popelt konzentriert die Schalen der unreifen Haselnüsse ab und schmeißt sie in seine Sammelbox. Elli holt alle wieder raus und verbuddelt sie in der Erde. Mika ärgert sich, wenn Elli ihm das wegnimmt, was er gesammelt hat, obwohl von der Sorte noch jede Menge am Baum hängen. Was „das“ ist, muss ich googeln, weil Mika fragt, wie die langen Schwänze heißen. Er steckt sie in die Box und macht sie zu, weil Reißverschlüsse cool sind und kleine Schwestern dann wenigstens nichts rausnehmen können. Da hat er sich kurz selbst reguliert und einem ausgewachsenen Wutanfall vorgebeugt.

Ich bin stolz und froh, dass ich ausnahmsweise mal nicht tadelnd und ein Kind verteidigend eingegriffen habe. Stattdessen hab ich gegoogelt. Die langen Dinger sind übrigens Blütenkätzchen. Und männlich. So.

Zur Sammelbox gibt’s ein lehrreiches Leporello, das Mika gleich studiert hat.

Unsere Kinder sind aufmerksam und wollen lernen. Sie wollen sich entwickeln – und ich versuche, mir täglich eine Scheibe davon abzuschneiden. Viel mehr abgucken als sie zu begrenzen und in gesellschaftliche Normen und Erwartungen zu quetschen. So wie sie sind, sind sie schon perfekt. Formen bedeutet ja immer auch verformen. Und das wollen wir nicht tun.

Wenn ich Mika vertraue, bekommt er die Chance, sich selbst zu regulieren. Hätte ich gleich geschimpft, würde er sich falsch fühlen. Wir alle wären genervt … und am Ende würde sein Verhalten dann gar noch bestraft. Wie soll daraus etwas Gutes entstehen?

Ich gebe damit meine Autorität nicht ab, ich übe sie nur nicht aus. Ich übe mit Mika, wie er sich verhalten kann, wenn er sich ärgert, wie er Elli behandelt, dass Müll in den Mülleimer kommt, dass Hauen weh tut und die Bedürfnisse aller wichtig sind – und eben nicht nur seine.

Ich will nicht an meinen Kindern arbeiten, sondern an mir. Wie oft rutscht mir ein unüberlegtes und unreflektiertes „Nein“ raus? Zu oft. Nein – nicht noch ein Eis. Wieso? Ich will auch oft genug nochmal Nachschlag. Weil es Sauerei macht? Weil es nicht der Norm entspricht? Weil „man“ das nicht macht?

Er darf noch ein Eis essen. Ist er ungesund? Übergewichtig? Nein. Der Versuch, die Kinder so wenig wie möglich zu begrenzen, ist nicht leicht. Ich muss dabei sehr hart an mir arbeiten. Am schwersten fällt es mir, mich zu entschuldigen, wenn ich zu weit gegangen bin. Wenn ich meine Macht ausgenutzt habe, ohne dass es eigentlich nötig gewesen wäre. Wenn ich mal wieder keine Geduld hatte zu warten, bis sie das eine Spiel noch beendet haben oder den Kopf frei hatten, um die Situation zu verlassen und zu gehen. Oder bis sie bereit waren, ins Bett zu gehen – und ich sie stattdessen einfach hochgenommen habe. Es lohnt sich tatsächlich, sich mit Kommunikation mit Kindern auseinanderzusetzen und auch mit bedürfnisorientierter Erziehung.

Nein, meine Kinder werden keine Tyrannen. Nein, sie haben Grenzen. Und: Nein, ich gebe meine Verantwortung nicht ab. Das sind die häufigsten Fragen und die Kritik, die mir entgegengebracht wird, wenn Mika und Elli mal wieder beschließen, bei 19 Grad im Shirt rumzulaufen oder ein Eis zum Frühstück zu essen.

Mag komisch aussehen, ist es vielleicht auch. Aber komisch finde ich es auch, wenn Eltern sich verstecken, um sich eine Tafel Schokolade einzuverleiben oder wenn Daniel mich zwingen würde, eine Jacke anzuziehen, wenn ich keine wollte, weil er meint, es sei besser für mich.

Würde ich meinen Partner körperlich züchtigen? Wäre es sinnvoll, ihm etwas zu entziehen, das ihm wichtig ist, nur, weil er nicht tut, was ich will? Versuchen wir nicht auch auf die Wünsche unserer nahen Mitmenschen einzugehen, weil dann alle Beteiligten glücklich sind?

Ich komme mit meinen Kindern viel weiter, wenn ich sie mitbestimmen lasse. Wenn ich die beiden und ihre Wünsche respektvoll behandle. Dann sind wir alle entspannter. Noch dazu kommt, dass ich vielen Diskussionen aus dem Weg gehen kann. Keine Jacke? Ok, dann nicht. – Ach, jetzt ist dir kalt? Gut, hier ist die Jacke.

Viele sagen zu mir, dass, wenn sie ihr Kind das machen lassen würden, würde es nie etwas anziehen/ immer Süßes essen/ nie das machen, was sie wollen. Aber das ist so nicht. Kinder wollen kooperieren. Das gibt ein schönes Gefühl. Sie wollen genauso, dass alle glücklich sind und sie wollen ihre Bedürfnisse erfüllen. Und das ist richtig. Ich finde: Unser Job ist es, ihnen zu erklären, dass die eigene Freiheit da aufhört, wo die der anderen beginnt. Und dass wir ebenso Bedürfnisse haben. Da merke ich dann selbst oft, dass es dadurch nicht weniger, sondern mehr Arbeit für mich ist. Ich hinterfrage mich so oft, warum und ob mir etwas gerade so wichtig ist und suche nach einem Bedürfnis hinter meinem Gedanken oder meinem Gefühl.

Und da steht Mika auf, nimmt Elli an der Hand und geht rein. In einer Hand die Sammelbox, in der anderen seine Schwester, die sich dankbar an einer Haselnuss lutschend mitziehen lässt. Auf dem Weg zum Gefrierschrank … Ich bezweifle, dass sie den Spinat auftauen möchten …

Dieser Beitrag ist mit freundlicher Unterstützung des Lingen Verlags entstanden.
Dort gibt es die Scout Sammelbox und andere tolle Scout Sachen zum Spielen und Lernen.