Lieblingskinder
Von links nach rechts: Nesthäkchen Elli, eine glückliche Mutter, Erstgeborener Mika (Rucksäcke: Scouty).

Lieblingskinder

Was passiert, wenn eine Mutter ein Kind mehr liebt als das andere?

Wenn man seinen Partner trifft, bildet man sich ein, niemals einen Menschen so sehr lieben zu können wie ihn oder sie. Dann bekommt man ein Kind … und könnte platzen vor Liebe und Stolz. Plötzlich empfindet man eine viel stärkere, tiefere und überwältigendere Liebe, als man sie sich jemals hätte ausmalen können.

Ich hätte nie gedacht, dass ich ein zweites Kind nochmal so lieben könnte wie mein erstes. Oder es so süß finden könnte – schließlich ist das erste ja schon das schönste Kind auf der Welt (ähm … gucke ich mir die Bilder der ersten Zeit an, weiß ich: Es war nicht so!) oder das talentierteste oder das liebreizendste …

Tja, und dann wurde ich wieder schwanger. Ungeplant. Und ich brauchte Monate, um mich mit dieser Schwangerschaft anzufreunden, ja, mich gar zu freuen. Das hört sich hart an, aber zu überschattet war der Moment von Schwangerschaftsübelkeit, Angst vor wiederkehrenden Depressionen und vor allem davor, dass ich das alles nicht wuppen würde können.

Doch mit der Zeit pendelte sich alles ein. Sogar die Hormone. (Fragt aber bitte nicht meinen Mann, der würde das höchstwahrscheinlich nicht bestätigen. Keine Ahnung wieso …)

Liebe ist … wenn sich Bruder und Schwester in dieselbe Farbe verliebt haben (ungeachtet sämtlicher Klischees).

Mit fortschreitender Schwangerschaft macht sich ja gerade eine Mama viele – zum Teil lächerliche – Gedanken. Mein vordringlichster war: Wie wird sich das wohl mit den zwei Kindern gestalten?

Und dann natürlich die üblichen Fragen: Wird es auch wieder blond? Kommt es nach mir – oder wieder nach dem Papa? Wie wohl der Charakter sein wird? Kann ich es so lieben, wie das verschmitzt grinsende Stinkstiefelchen, das gerade mit einem Päckchen Gummibärchen (ich will nicht wissen, woher er das hat) um die Ecke geflitzt kommt? Werde ich dieses überwältigende Gefühl auch haben, wenn mich mein zweites Kind mit seinen kleinen Speckarmen umarmt oder mir einen nassen Nutellaschmatzer mitten auf den Mund drückt?

Ich wollte niemals so eine Mutter sein, die „all ihre Hoffnung“ in ihr Erstgeborenes setzt oder das kleine „Nesthäkchen“ immer bevorzugt. Man liest ja auch so viel von Sandwichkindern und wie diese irgendwie untergehen … Gut, zum Sandwich fehlt uns noch eine zweite Brotscheibe – oder in diesem Fall: eine romantische Nacht zu zweit. Was kaum möglich ist, da wir momentan ja nur romantische Nächte zu viert verbringen. „Uuuuuh, heiße Sache“, mag da so mancher denken. Nix da, ein helikopterähnliches Kind und ein querliegendes sabberndes Baby berauben uns unserer Romantik meist ganz schnell. 😉

Wie gesagt, die Angst war da, niemals so sehr lieben zu können … und dann kam der Tag, als ich meine kleine Tochter auf meiner Wohnzimmercouch zur Welt brachte. Ich hielt sie im Arm – und es war um mich geschehen.

Mist, jetzt liebe ich die mehr als den Großen. Aber dann sah ich zu meinen beiden Männern, die verdutzt dreinblickten – auf die erschöpfte Mama und das neue kleine, nackte Wesen. Und ich war mir sicher: Das kann nicht sein. Das ist der süßeste große Bruder auf der ganzen Welt.

Und ich sollte Recht behalten. Sobald die beiden beieinander sind, ist es ein harmonisches Miteinander … und die Kleine kann die Augen vom Großen nicht lassen. Es wird verteidigt und geschmust und gespielt – und meine Liebe wächst und wächst immer weiter.

Mika ist jetzt in einem Alter, in dem er plötzlich und immer mehr spricht. Und dann kommen oftmals so Sachen wie „Meine ‚Wester‘ Elli“, und er drückt sie so fest, dass ich darauf warte, dass das arme Baby platzt oder wenigstens schreit. Aber nein, der zahnlose Mund strahlt den Bruder mit großen Augen an.

Ich liebe also nicht ein Kind mehr als das andere – im Gegenteil, ich habe meine Liebe sogar noch steigern können, denn mich beschleicht oft das Gefühl, dass ich meinen lieben Bub noch mehr liebe, seit er mir zeigt, was er für ein wundervoller großer Bruder sein kann …