Keine guten Vorsätze
Ein Plan für 2020: Flexible Ordnung oder doch lieber strukturiertes Chaos?

Keine guten Vorsätze

Gute Vorsätze sind schlecht. Gegenstrategie: ein Positiv-Projekt.

Traditionell ist der Jahresanfang in unseren Köpfen verankert mit dem Gefühl, alles neu und vor allem besser machen zu müssen als im vergangenen Jahr. Allerdings: Gute Vorsätze sind Versprechen, die man sich selbst gegeben hat. (Hab ich das mal irgendwo gelesen oder ist mir das grad selbst eingefallen? Egal.) Und deshalb ist es EXTREM demoralisierend, wenn man seine in allerbester Absicht generierten Besserungsgedanken binnen weniger Tage resignierend mit Füßen treten muss. Wenn ein Raucher nach Tagen qualvollen Verzichts mit unendlich schlechtem Gewissen eine Zigarette schnorrt (und so frustriert wie gierig zu Ende raucht). Wenn die motiviert begonnene und fast durchgehaltene Diät durch einen gestressten Griff zur Schokolade (ganze Tafel natürlich) ausgehebelt wird. Wenn das selbst auferlegte Sportprogramm bei Wind und Wetter durchgezogen wird – bis zur erkältungsbedingten Zwangspause. Das wollen wir uns doch nicht schon wieder antun.

Deshalb habe ich mir für 2020 keine Don’t-Liste gemacht. Viele Dinge funktionieren jetzt, in der dunklen und ekligen Jahreszeit, sowieso nicht – klappen aber im Frühling oder Sommer vielleicht ganz wunderbar (Serotoninspiegel, Vitamin-D-Mangel und so, ihr wisst ja). Stattdessen leb ich jetzt mal ein bisschen planlos und emotionsgeleitet. Ich geh raus, wenn mir danach ist – und wenn es mir zu kalt ist, bleib ich auf dem Sofa. Ich esse und trinke, worauf ich Lust habe. Auch und besonders Lebensmittel mit hohem und sehr hohem glykämischem Index. Und wenn die Jeans kneift, dann liegt sie eben im Schrank, bis sie wieder passt. Ich setz mich nicht mehr unter Druck. Und andere auch nicht. Wenn der Ehemann das Rauchen einfach nicht aufgeben will – was soll’s. Ich halt ihm keine Vorträge über Lungenkrebs, Schlaganfall und Raucherbeine mehr. Ich lass höchstens ab und zu einen medizinischen Fachaufsatz rumliegen. Und wenn meine Tochter es wieder nicht schafft, sich ihr Taschengeld einzuteilen – egal. Muss sie eben die letzten zwei Drittel des Monats daheim bleiben und sich anrufen lassen. Oder mir bei meinem Positiv-Projekt zur Hand gehen.

Denn durch das Nichtfassen guter Vorsätze und die ausbleibende Frustration ist jede Menge Energie freigeworden. Die nutze ich zum Ordnungmachen in Schränken und Kellern. Alles, was länger als zwei Jahre nicht benutzt wurde, wird verschenkt und damit Gutes getan. (Weniger Selbstlose wie meine Tochter und ihre Freundin gehen dann vermutlich mit den Sachen auf den Flohmarkt, wo sie sich ein paar Euro und einen grippalen Infekt einhandeln. Da fällt ihr zumindest das Zuhausebleiben leichter.) So oder so: Ausmisten befreit ungemein. Und ist – im Gegensatz zu einem widerwillig gefassten guten Vorsatz – ein klar abgegrenztes Vorhaben mit echtem Erfolgserlebnis. Das gleichzeitig Platz schafft für das eine oder andere Neue. Das lang ersehnte Paar Schuhe (vielleicht sogar schon als Schnäppchen) – oder die schöne Tasche, die der Weihnachtsmann zu bringen vergessen hat.